Vom stimmigen Festhalten des Moments – zu den Arbeiten von Anett Frey
Winfried Stürzl

Düster und ernst, so als lasteten die Erfahrungen eines ganzen Lebens auf den Dargestellten: Das ist der erste Eindruck, wenn man sich den äußerst großformatigen Porträtbildern von Anett Frey unvorbereitet nähert. Sie zeigen alte Menschen. Genauer gesagt: einen alten Mann. Am Tisch sitzend, reflektierend, manchmal zeichnend. Er ist in sich gekehrt, strahlt Ruhe aus. Die dunkle, gebrochene Palette ist reduziert: Umbra-, Siena- und Schwarztöne formen sich, von weißen und bläulichen, pastos aufgetragenen Pinselstrichen gehöht, zu einem menschlichen Gesicht oder Oberkörper.

Wenn man sie länger betrachtet, beginnen die Bilder sich zu verändern. In dem Diptychon, das dem Greis das Bildnis eines Jungen gegenüberstellt, verschmelzen die beiden Figuren – trotz klarer Abgrenzungen – farblich und formal mit ihrem Umraum. Er definiert den Charakter der Dargestellten maßgeblich mit: Der alte Mann ist in eine Art blauen Lichtschimmer gehüllt, der immer stärker zu leuchten scheint, je länger man ihn betrachtet. Die eingangs empfundene Düsterheit und Schwere macht – trotz der gebeugten Haltung der Figur – einer überraschenden Leichtigkeit Platz. Und der nach innen gerichtete Blick spricht von der Abgeklärtheit des Alters.

Etwas ganz anderes scheinen die Augen des Jungen auf dem zweiten Bild zu berichten. Zwar ist es hier eher die Figur selbst, die zu leuchten und in ihren mittleren Umraum auszustrahlen scheint. Doch die Dunkelheit im oberen und unteren Bereich des Hintergrundes, verbunden mit der Unsicherheit und Traurigkeit, die die Augen- und Mundpartie umspielen, lässt die Figur einsam und ängstlich wirken – so als blicke sie voller Sorge in eine ungewisse Zukunft. Das Alter ist hier schon präsent: im Blick nach vorn. Der Greis hingegen scheint in seine Vergangenheit und Jugend zurückzuschauen – symbolisiert unter anderem durch den Spielzeug-Husky, dessen leerer Schlitten stellvertretend für die nun fast abgeschlossene Lebensreise stehen mag.

Die Betonung des Atmosphärischen und die partielle Auflösung der Bildmotive ist unter anderem dem lockeren Duktus des Pinsels zu verdanken. Wechselt man als Betrachter den Standpunkt, wird dieses Moment dank der rauen, fast reliefartigen Oberflächenstruktur noch verstärkt: Farbe und Licht sind in dauernder Bewegung. Zugleich scheint es, als liege ein transparenter Schleier über den Motiven, der eine allzu unmittelbare Annäherung verhindert. So, als würden sich die Bilder dem von der Ratio geprägten Auge zugleich ein wenig entziehen.

Das beschriebene Diptychon steht in gewisser Weise exemplarisch für die Arbeit von Anett Frey in ihrer Gesamtheit. Seit nunmehr gut drei Jahren ist sie auf einer künstlerischen Recherche nach dem Rätsel des Alters, der Vergänglichkeit und der Frage, wie sich einfangen lässt, was in den flüchtigen Augenblicken der Begegnung mit anderen Menschen geschieht. Dass in diesem Kontext besonders ein Mann hohen Alters im Fokus des zeichnerischen und malerischen Interesses der Künstlerin steht, mag zumindest teilweise biografisch begründet sein, verbrachte sie doch einen Großteil der Kindheit und Jugend bei ihren Großeltern. Auch war es der Großvater, der sie schon früh in ihren künstlerischen und zeichnerischen Kompetenzen förderte.

Für ihre Annäherung an Fragen der Vergänglichkeit hat Anett Frey eine Technik entwickelt, die es ihr ermöglicht, schnell und flexibel zu arbeiten. Erstmals setzte sie sie 2013 in einer Serie von Selbstporträts auf Papier mit dem Titel „Blickkontakt“ ein. Als Bindemittel für ihre Pigmente dient ihr seitdem erhitztes Bienenwachs, ein Material, das sich durch seine Flüchtigkeit und Veränderbarkeit ebenso auszeichnet wie durch seine konservatorische Qualität. Es lässt sich in Schichten auftragen und vergleichsweise leicht wieder ablösen. Und es bindet zugleich die Pigmente dauerhaft ein. Nicht umsonst haben jahrhundertealte ägyptische Mumienporträts, bei denen ebenfalls Wachs als Bindemittel genutzt wurde, bis heute kaum etwas von ihrer ursprünglichen Leuchtkraft eingebüßt.

Entgegen der Praxis anderer zeitgenössischer Enkaustikverfahren, die sich heißer Maleisen oder der Heißluftpistole bedienen, erhitzt Anett Frey ihre mit Bienenwachs gebundenen Pigmente in einem Tiegel. Sobald das Material die richtige Konsistenz hat, trägt sie die flüssige Wachsfarbe schnell mit dem Pinsel auf den Holzuntergrund auf, so, als wollte sie im Malprozess den besonderen Augenblick direkt mit dem Bild verschmelzen.

Blickt man auf ihre großen Arbeiten, wird allerdings klar: Das Malen in Schichten allein führt die Künstlerin nur selten zum gewünschten Ergebnis. Vielmehr greift sie auch verletzend in den Farbauftrag ein. Die Oberfläche vieler Bilder ist von Schnitten und Furchen geradezu übersät. Das Gestische, das Unmittelbare der Bewegung hat sich zum Teil tief in den Bildgrund eingegraben und bringt zuweilen das pure Holz zum Vorschein. Fast, als habe die Künstlerin versucht, sich auf ihrer Suche nach der adäquaten Darstellungsform bis zur Essenz hindurchzuarbeiten.

Manche der so entstandenen Bilder erinnern an abstrakte, reliefartige Liniengeflechte, in denen die Gesichtszüge des Porträtierten nur zu erahnen sind. In anderen Arbeiten sind die Formen auf Wesentliches konzentriert. Hier scheinen die Einschnitte eher dazu zu dienen, die formale Struktur der Figur zu unterstreichen, ihr Festigkeit zu verleihen. Welcher Weg auch eingeschlagen wird: In Verbindung mit dem Motiv werden die Furchen in den Wachsarbeiten zum Sinnbild für die Erlebnisse und Erinnerungen, die sich im Laufe eines Lebens als Falten, Narben oder Vertiefungen auch in das reale Gesicht eines Menschen eingeschrieben haben.

Die Wachsbilder von Anett Frey entstehen über einen langen Zeitraum hinweg im Atelier und werden oftmals nach längeren Pausen erneut überarbeitet. Doch sind die Motive nicht etwa erfunden oder von Fotografien übernommen. Vielmehr basieren sie auf Zeichnungen, die in der realen Begegnung mit einem Menschen entstehen: Seit 2013 ist es Herr M., der sich im Austausch gegen Zeichenunterricht von Anett Frey, porträtieren lässt. Immer freitags fährt die Künstlerin seither zu dem mittlerweile 96-jährigen ehemaligen Landarzt auf die Schwäbische Alb.

In die Bleistift- und Tuscheporträts fließen die intensiven Gespräche und Geschichten, die Erinnerungen an das erfahrungsreiche Leben von Herrn M., mit ein. Aber auch die jeweilige Konstitution und Stimmung der Künstlerin hat, wie sie berichtet, Einfluss auf die Umsetzung. So sind im Laufe der Zeit unzählige Porträtvarianten entstanden, die sich zum Teil massiv voneinander unterscheiden. Nur selten schätzt Anett Frey ihre Skizzen für die großen Wachsbilder allerdings als eigenständige Werke ein.

Eine Ausnahme bildet die Serie „Der Gärtner“, in der die Figur in Schraffuren und Hell-Dunkel-Kontrasten erfasst ist und – ähnlich wie bei dem eingangs beschriebenen Diptychon – zum Teil mit dem Umraum verschmilzt. Umrisse und Gesichter sind nur skizzenhaft ausformuliert, selbst die Gliedmaßen sind zum Teil nur angedeutet und werden in ihrer Bewegung erfahrbar. Hier scheint das von der Künstlerin selbst aufgestellte Ziel erreicht, eine adäquate Bildstimmung zu generieren, die dem Betrachter auch einen emotionalen Zugang zum dargestellten Objekt ermöglicht, statt den Porträtierten nur physiognomisch korrekt darzustellen.

Die Fahrten auf die Schwäbische Alb zu Herrn M. führten Anett Frey auch zu einer Auseinandersetzung mit der umgebenden Landschaft. Sie materialisierte sich unter anderem in der Serie „Albträume“: Die virtuos gezeichneten Bleistiftzeichnungen und Radierungen zeigen Bäume, Gestrüpp und ausladenende Äste, die nicht selten den Blick auf Wiesen, bewegte Hügel und dramatische Wettersituationen versperren – Arbeiten, die dem ambivalenten Titel der Serie alle Ehre machen.

Ähnlich wie bei den Porträts geht es Anett Frey auch bei der Darstellung von Natur um die Erzeugung einer Stimmung, die den Moment der Begegnung in seiner Vielschichtigkeit für den Betrachter erlebbar macht. Und auch hier lässt sich der Beginn des Interesses in die Kindheit datieren, denn das Haus ihrer Großeltern befand sich in einem ihr damals düster erscheinenden Wald. So war die emotionale Beziehung der Künstlerin zu den sie umgebenden Naturräumen von Anfang an gegeben.

Auch die zweite große Wachsbilder-Serie mit dem Namen „Orte“ beschäftigt sich mit einem Haus im Wald. Allerdings ist die von außen und innen gezeigte Villa im Verfall begriffen: Der Putz bröckelt von den Wänden, die Decken sind zum Teil eingestürzt, Äste ragen durch die glaslosen Fenster. Die Natur hat sich die Räume zu einem großen Teil zurückerobert. Zwar scheint sich etwas von dem alten Glanz des Gebäudes in einigen historisierenden Details erhalten zu haben. Auch mag eine Außenansicht ein wenig an die erhabenen Ruinen eines Caspar David Friedrich erinnern. Doch scheinen die Mauern längst so blass, als stünden sie kurz davor zu verschwinden.

Die ansonsten weitgehend dunkle Farbigkeit der Serie und die gestischen Einschreibungen in die reliefartige Wachsschicht und den Bildgrund entsprechen denen der Porträtserie. Das Thema der Vergänglichkeit ist hier ganz offensichtlich vom Menschen auf seine Behausung übertragen. Und auch wenn das verfallende Gebäude in Wirklichkeit auf einem ehemaligen russischen Truppenübungsplatz steht, darf man in der Serie wohl das Sinnbild für einen verlorenen Sehnsuchtsort vermuten: das Haus der Großeltern in der Nähe von Meißen, das einst Geborgenheit bot. Dafür spricht auch, dass Anett Frey mit der Bilderserie Anna Achmatovas „Lied von der letzten Begegnung“ in Verbindung bringt, in dessen letzten vier Zeilen es heißt:

Das Lied von der letzten Begegnung.
Ich blickte zum dunklen Haus.
Im Schlafgemach brannten noch Kerzen,
gleichgültig-gelb sah`s aus.

In den mit Gelb gehöhten Türrahmen des Flures scheint sich ein letzter Reflex dieser Kerzen auch in einem der Bilder wiederzufinden.

Anett Frey hat ihre künstlerische Recherche nach Fragen des Alters, der Vergänglichkeit und der stimmigen Umsetzung des flüchtigen Moments in den letzten drei Jahren in ganz verschiedenen Materialien pausenlos weitergeführt. In kleinen Holzskulpturen, die das Thema Alter nur anhand der Beine zum Ausdruck bringen. In Holzschnitten, deren Druckstöcke sich bei der Arbeit so veränderten, das sie am Schluss selbst zum Relief wurden. In Wachsdrucken, deren Vorlagen nach jedem Abzug eine Überarbeitung erfuhren. Oder in Porträtskizzen bei Vernissagen, die mit jeweils nur einem Strich Momente der Konzentration in den Gesichtern der Anwesenden einfangen. Die Abschlussausstellung von Anett Frey markiert das Ende des ersten Wegabschnitts und vermittelt dem Betrachter ein umfassendes Bild dieser intensiven, vielschichtigen Suche.

Eine Arbeit aus der Serie „Orte“ fällt allerdings formal etwas aus ihrer Umgebung heraus. Von dem ursprünglichen Gegenstand – einem Durchbruch – ist fast nichts mehr zu erkennen. Offenbar wurden einzelne Wachsschichten radikal wieder abgelöst. Die Kerben scheinen sich noch stärker in den Grund einzugraben als bei den übrigen Bildern und fügen sich mit der Farbigkeit zu einer von ihrem gestischen Duktus lebenden, abstrakten Komposition. Vielleicht ein Scharnierbild, das in seiner strukturellen Offenheit den Blick schon ein Stück weit in die Zukunft richtet? Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, in welche Richtung sich die Arbeit von Anett Frey von nun an entwickeln wird.